Eine Gewinn- und Verlustrechnung für die Medien

Wenn ein kleiner Junge, anstatt seine Hausaufgaben zu machen, lieber Sandburgen zertrampelt, dann will irgendwann keiner mehr mit ihm spielen. Wenn er die anderen Kinder auch noch beschimpft und mit Dreck bewirft, machen diese einen Bogen um ihn und betrachten höchstens noch aus der Ferne, wie er in der Nase bohrt oder Frösche quält. Und nun verkündet der kleine Junge, er habe sich was ganz feines ausgedacht: Wer mit ihm spielen will, muss fortan erst einen Groschen bezahlen.

Das ist in etwa die Situation vieler deutscher Medien.

Liebe Chefredakteure. Es leuchtet ein, dass das schwindende Printgeschäft nicht länger stark genug ist, um das Gratis-Onlineangebot zu subventionieren. Doch um Leser (wie mich) dazu zu bringen, für Onlinenachrichten Geld auszugeben, muss auch ein Umdenken auf Eurer Seite stattfinden.

Stellvertretend für die Zunft zitiere ich einfach mal Matthias Iken. Er schreibt im Abendblatt: „Denn Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus.“

Dazu kann ich als Leser nur sagen: Wer Bezahlung erwartet, muss Qualitätsjournalismus bieten. So herum wird ein Schuh draus.

Für das jetzt gebotene Geld zu verlangen wird nicht lange gut gehen. Die Ansprüche der nun zahlenden Leser werden sprunghaft steigen, und der Leser bekommt endlich die Möglichkeit, schlechte oder politisch fragwürdige Berichterstattung mit Boykott zu bestrafen. Sichtbar wird dies vor allem in den Bereichen, in denen die Journalisten gerne mal die Prinzipien links liegen lassen und statt kritischer Berichterstattung plump Politik betreiben wollen. Hetzkampagnen der Medien, wie es sie in der Vergangenheit z.B. gegen Computerspieler, Sportschützen oder Hundebesitzer gab, werden nicht mehr folgenlos für die Medien bleiben. Momentan liest man als Betroffener die Zeitung weiterhin (natürlich online und gratis), man liest sozusagen „beim Feind mit“. Aber ein Bezahlabo würde man sofort kündigen.

Sie glauben mir nicht? Was meinen Sie, wieviele Betroffene schon ihre Abos von Spiegel, Stern etc. gekündigt haben. Schauen Sie sich nur mal in den entsprechenden Foren um. Und dann summiert sich das ganze eben: Mal hetzt eine Zeitung gegen die Hundebesitzer, mal gegen Sportschützen, Paintballer  und Jäger, jedes Mal hat man ein paar Millionen (!) Menschen beleidigt und vergrätzt. Viele davon kommen nicht wieder. Bei den meist jungen Computerspielern und Internetnutzern gibt es oft gar nichts zu vergrätzen, die wachsen mit den herkömmlichen Medien als „Feind“ auf. Zuviel Mist wird ihnen (und über sie) in Zeitungen und im TV erzählt. Das ist die neue Generation von Medienkonsumenten, und in dieser Generation ist das Abo einer Tageszeitung eben keine Selbstverständlichkeit mehr sondern eine absolute Ausnahme. Und so wie die SPD Mitglieder verliert, weil sich ihre Politik all zu oft nur noch gegen bestimmte Menschen richtet, anstatt sich primär FÜR etwas einzusetzen, so bekommen auch die Medien die Quittung für das alte Rezept „Sündenbock macht Quote“.

Niemand verlangt Gefälligkeitsjournalismus für den Abonnenten, und niemand erwartet, dass „seine“ Zeitung immer seiner Meinung ist. Wenn aber allzu oft die Grenzen zwischen Meinung und Lüge, zwischen Kritik und Beleidigung überschritten werden, wenn aus Familienhunden Bestien werden, aus Breitensportlern Waffennarren, aus Zensurgegnern Kinderpornofans, aus Geländewagenfahrern gewissenlose Umweltzerstörer und aus Gamern Möchtegern-Amokläufer, dann verliert eine Zeitung mehr Leser auf der Seite der Betroffenen, als sie bei den Stammtischen hinzugewinnt.

Was schon CDU und SPD bei den diesjährigen Wahlen lernen mussten, gilt auch für Journalisten: Eure Schmähartikel richten sich gegen genau diejenigen, die Ihr für Euch gewinnen wollt. Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die einem bestimmten Hobby nachgehen. Und wenn es dann darum geht, an der Urne oder am Geldbeutel eine Entscheidung zu treffen, dann werden sich die Geschmähten daran erinnern. Und diese Erinnerung wirkt länger, als die kurzzeitige Steigerung von Auflage oder Umfrageergebnissen.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Hunde, Internet, Killerspiele, Paintball, Verbote, waffen

4 Antworten zu “Eine Gewinn- und Verlustrechnung für die Medien

  1. „Dazu kann ich als Leser nur sagen: Wer Bezahlung erwartet, muss Qualitätsjournalismus bieten. So herum wird ein Schuh draus.“

    Volle Zustimmung.

    Das Abschreiben von Regierungsverlautbarungen, das nicht Hinterfragen von Gesetzesverschärfungen, mangelnde Neutralität gegenüber kontrovers diskutierten Sachverhalten, unterlassene eigene Recherchen – diese Art von „Qualitätsjournalismus“ ist es, die immer weniger Menschen motivieren, Geld für Presseerzeugnisse auszugeben.

  2. Die Reine Wahrheit

    100% Zustimmung zu diesem Statement !

    Wenn schon Richter bei der Urteilsfindung auf Wikipedia zurückgreifen und allerorten die Zulassungs- und Einstellungsvoraussetzungen gesenkt werden, braucht man sich über die „Qualitätsjournalisten“ nicht zu wundern. Gestern noch ´ne 5 in Deutsch und gerade eben so bei der ZVS mit reingerutscht, heute schon Volontariat bei der SZ oder gleich bei der taz. Die Spaßgesellschaft kopiert sich und andere einfach – warum das Rad neu erfinden ? Irgendwer wird den Blödsinn schon fressen. Doofheit für alle !

  3. Pingback: Kann man auch als Bürger zurücktreten? (Offener Brief an Horst Köhler) « AllesVerboten.org

  4. Ich glaube nicht, dass Bezahlung gerade die kritischen Leser vergrätzen wird. Die Medien sind ja nicht (nur) aus Unfähigkeit so vorhersagbar geworden, sondern weil ihre Konsumenten das so haben wollen.

    Die eigentliche Berichterstattung findet ohnehin in den Blogs statt.

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