Ein Philosoph über den Ursprung von Verbotspolitik

Foto: Andy Miah

Letzte Woche erschien in der Berliner Zeitung ein weiterer Beitrag zur allgegenwärtigen „Integrationsdebatte“. Auf sehr subjektive und daher durchaus interessante Art beschäftigt sich der Autor Malte Welding darin mit dem Toleranzbegriff. Dabei zitiert er auch den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, und diesen Teil des Artikels möchte ich besonders hervorheben:

Wir haben kein Verständnis mehr vom öffentlichen Raum. Würde sich in meinem Wohnzimmer ein rumänischer Halbwüchsiger anschicken, Lieder von den Beatles mit dem Akkordeon zu verhunzen, wollte mir in meiner Küche ein Crackmädchen die Motz verkaufen, käme mir im Bad ein junger Mann mit Hygieneschwierigkeiten entgegen, der Unterschriften für oder gegen politisch Verfolgte in Südwasweißichstan sammelt – ich wäre recht ungehalten.

Aber die Öffentlichkeit gehört uns allen, sogar denen, die ich nicht in meine Wohnung ließe. Das politisch korrekte Tänzeln um die Fettnäpfchen herum und der brutale Homogenisierungsdruck sind zwei Seiten derselben Medaille. Der Angst vor Belästigung. Der slowenische Philosoph und nichtpraktizierende Psychoanalytiker Slavoj Žižek hat dieses Phänomen erkannt und beschrieben. Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten fiel auch im Westen die klare Opposition zwischen Sozialdemokraten und Christdemokraten weg. Übrig blieb eine – je nach Perspektive – sozialdemokratische/liberale Konsenspolitik, in der Regierung bloß noch Verwaltung war. „Die einzige Möglichkeit, diese Form der Politik mit Leidenschaft zu erfüllen und die Menschen zu mobilisieren, besteht darin, Angst zu schüren“, so Žižek. Am Ende macht alles, was nicht ist wie man selbst, Angst. Alles Abweichende sorgt für Abscheu. „Das Recht, nicht belästigt zu werden, avanciert zum wichtigsten Menschenrecht in der spätkapitalistischen Gesellschaft – das Recht auf einen sicheren Abstand zum anderen“.

Diese Aussagen kann und sollte man nicht nur auf das „multiethnische“ Zusammenleben beziehen, sondern auch auf all die Verbotsforderungen, die sich darauf gründen, dass irgendwo ein Hund bellt, Motorroller nicht gut riechen, ein dickes Kind kein schöner Anblick ist oder man selbst einfach keine Lust auf Rap-Musik, Sportschiessen oder  ne Dose Feierabendbier in der S-Bahn hat.

Dazu passt auch mein neuer Text „Warum?“ der eine Art Grundsatzrede für diesen Blog darstellen soll.

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