Gutes Saufen, schlechtes Saufen – Verbote als Wirtschaftsförderung

Forderungen nach irgendwelchen Alkoholverboten sind nichts neues, meist geht es dabei angeblich um Jugendschutz oder Gewaltprävention. Auch der aktuelle Ruf der CSU nach einem bundesweiten Verbot von Alkohol in Bahnen schwimmt im Fahrwasser einer Diskussion über Gewalt in Bahnen und Bahnhöfen.

Ganz abgesehen davon, dass so ein Verbot keinen Gewalttäter an irgendetwas hindern wird (schon gar nicht, betrunken in eine Bahn einzusteigen), sorgt in dieser Diskussion das Verhältnis der Unionsparteien zum Alkohol für Spott und Gelächter. Denn CDU (speziell im Südwesten) und CSU sind ja nicht nur die Parteien, wo man Volksnähe vor allem beim Starkbieranstich, auf Weinfesten und auf der Wiesn zelebriert. Dort gilt man nach zwei Litern Bier noch als fahrtüchtig (Beckstein) und eine Historie als Alkoholsünder ist für die lokalen Funktionäre nichts besonderes. Sieben Jahre bevor 2008 unter Oettinger (CDU) der Nachtverkauf von Alkohol an baden-württembergischen Tankstellen verboten wurde, war er selber mit 1,4 Promille am Steuer erwischt worden. Die ehemalige Schatzmeisterin seines Landesverbandes schaffte es gar auf 2,5 Promille. Nicht zu vergessen natürlich Otto Wiesheu (CSU), der dadurch traurige Berühmtheit erlangte, dass er im Suff einen Menschen totfuhr.

Also wie passt die Affinität der süddeutschen Unionspolitiker zum Alkohol mit den von ihnen gerne geforderten Verboten zusammen? Warum stört sich kein CSU-Politiker am Oktoberfest, wo es jedes Jahr dutzende Verletzte und Vergewaltigungen gibt? Näheres Hinschauen lohnt sich. Es kommt nämlich nicht darauf an, wieviel getrunken wird, oder von wem, oder was danach passiert, sondern was getrunken wird.

Wenige Tage nach dem letzten Vorstoß der CSU für ein bundesweites Verbot von Alkohol in Bahnen benennen nicht nur die bayrischen Brauer sondern auch noch das bayrische Wirtschaftministerium ganz offen den eigentlichen Feind: Es ist das billige Dosenbier.

„Mit jeder verkauften Dose fällt eine Flasche für die Traditionsbrauereien weg“, sagt etwa Walter König. Der Sprecher des Bayerischen Brauerbunds residiert in einem Altbau in der Münchner City. Auf der Straße vor seinem Büro steht ein Bierbrunnen, umrahmt von einem Bassin. An Festtagen sprudelt hier Freibier. Auf dem Regal in Königs Arbeitszimmer stehen Flaschen erlesener Sorten, Dosen sucht man vergebens.

Denn während die großen Abfüller der blechernen Tiefpreis-Plörre ihren Sitz häufig in Nord- und Ostdeutschland haben, ist die Brauwirtschaft im Land der Lederhosen noch immer weitgehend mittelständisch organisiert: Neun von zehn Betrieben sind in Familienhand. Für sie ist Bier in Einwegverpackungen ein Tabu.

(Spiegel Online, 01.05.2011)

Alkohol, der in der Öffentlichkeit getrunken wird, kommt logischerweise größtenteils von Tankstellen, Discountern und Supermärkten, hier dominieren überregionale Marken und Billighersteller. Dadurch erklärt sich dann auch die zuvor scheinbar unlogische Differenzierung von „gutem Saufen“ (Festzelt, Wirtshaus) und „schlechtem Saufen“ (U-Bahn, Straße): Es ist schlichtweg Lobbypolitik für die heimische Getränkeindustrie.

Bekanntlicherweise bewirken Verbote ja meist vor allem Verdrängung. In diesem Fall ist genau das gewünscht. Mit einem Verbot von billigem, „aussergastronomischen“ Alkoholkonsum würde die Bierdose wieder zurückgedrängt, zugunsten von Wirtschaften und Biergärten, die gerade im Süden der Republik vorrangig regionale Produkte anbieten.

Diese schamlose Wirtschaftsförderungspolitik auf dem Rücken von Gewaltopfern ist übrigens nicht ganz uneigennützig: Die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern  besitzen eigene Staatsbrauereien (z.B. Rothaus, Weihenstephan), deren Bier man nicht in Dosen kaufen kann.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Alkohol, CDU/CSU, Verbote

2 Antworten zu “Gutes Saufen, schlechtes Saufen – Verbote als Wirtschaftsförderung

  1. Nansy

    Der Einstieg in Verbote und Zwangsbeglückungen findet fast immer über Kinder und Jugendliche statt. Auch wenn man Probleme bei Jugendlichen bei Alkohol, Tabak und Ernährung gar nicht abstreiten kann und will, Organisationen wie die WHO sehen das nur als glaubwürdigen Einstieg in die Reglementierung des Lebens aller Menschen an. Denn wer wollte schon etwas gegen Gesundheits“fürsorge” für Kinder und Jugendliche sagen? Dabei wird leider oft vergessen sich einmal das Gesamtprogramm dieser Gesundheitsapostel anzusehen. Da geht es dann überwiegend um den Schritt zur Alkohol- und Tabakfreiheit der ganzen Welt. Beim Tabakkonsum wird das ja inzwischen ohne Umstände von der WHO gefordert. Beim Alkohol geht man noch etwas vorsichtiger zu Werke.
    Trotzdem sind die Forderungen der WHO schon sehr weitgehend: man fordert die Steuern so zu gestalten, dass die Preise eine abschreckende Wirkung haben. Die Verfügbarkeit von Alkohol soll eingeschränkt werden. Als geeignete Maßnahmen werden restriktive Verkaufzeiten gefordert, Beschränkung der Verkaufsstellen: Abgabe nur über staatliche Monopole oder staatlich kontrollierte Läden. „Freiwillige“ Werbe-Selbstbeschränkungen (als erster Schritt) bis hin zu kompletten Werbe-Verboten durch die Regierungen. Hier geht es einfach darum, nach und nach immmer mehr Hindernisse und Verbote durchzusetzen, bis hin zu prohibtionsähnlichen Zuständen. Bezeichnend ist auch, dass die WHO in ihren neuen Papieren den Unsinn-Begriff „Passivtrinken“ einführt, analog zum Passivrauch (einfach mal in Google „passiv-drinking“ eingeben). Das ist kein Witz, sondern es zeigt, wie man mit Angstmacherei die Leute für weitgehende Alkoholverbote beeinflussen will.
    Wie man sieht, geht es hier nicht um Kinder und Jugendliche, sondern um uns alle!

  2. Pingback: Steuermillionen für die Drogenproduktion | ars libertatis

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