Sascha Lobo hat’s nicht begriffen

In seiner wöchentlichen Kolumne auf Spiegel Online widmet sich Sascha Lobo diesmal dem Thema „Verbote“. Die gute Nachricht ist: Er findet Verbote doof. Die schlechte ist: Mit seinem Kolumne rechtfertigt er so ziemlich jedes Verbot, was jemals erlassen oder diskutiert wurde.

Lobos verunglückte Argumentation „gegen“ Verbote trägt die Überschrift: „Wer gute Manieren hat, braucht keine Verbote“.

Erstens: Wenn, wie Lobo behauptet, gute Manieren Verbote überflüssig machen, dann kann man natürlich den Erlass von Verboten mit schlechtem Benehmen rechtfertigen. Und genau diese Begründung hört man oft von Menschen, die sich gerne liberal geben, aber leider leider werden sie ja von Rüpeln gezwungen, ein Verbot zu fordern. Praktischerweise findet man unter  80 Millionen Menschen immer ein paar mit „schlechten Manieren“, mit denen man ein Verbot begründen kann.

Zweitens: Wer bestimmt, was gute und schlechte Manieren sind? Schlechte Manieren, der Verfall der Sitten, das sind oft Umschreibungen für die Abkehr vom Üblichen, Althergebrachten, vom Konsens: Rauchen, laute Musik, Horrorfilme, gleichgeschlechtliche Beziehungen oder das von Lobo als Beispiel angeführte auf-den-Boden-spucken. Diese Beispiele gelten in manchen Kreisen als unsittlich und unanständig, in anderen eben nicht. Auch damit erlaubt Lobo also praktisch jede Begründung eines Verbots.

Drittens: Das Verbieten schlechter Taten ist überhaupt nicht das Problem. Niemand beschwert sich, dass das Herausreissen von Blumen auf einem Mittelstreifen (ein weiteres Beispiel Lobos) verboten ist. Es handelt sich dabei um Sachbeschädigung. Ebenso sind Amokläufe, Körperverletzung oder Kindesmissbrauch längst verboten. Die Verbote, die von Politikern diskutiert werden, betreffen nicht die eigentlichen Taten (also die „schlechten Manieren“), sondern andere damit in Verbindung gebrachte Dinge, Handlungen oder Freiheiten. Sie betreffen nicht mal die Täter, also die mit den „schlechten Manieren“. Zum Beispiel, wenn wegen eines Amoklaufs Millionen von Menschen das Spielen von bestimmten Computerspielen verboten werden soll oder wenn wegen einigen Schlägern alle U-Bahn-Passagiere auf die Feierabend-Bierdose verzichten müssen.

Fazit: Die Kolumne des Sozialdemokraten Sascha Lobo geht an der Problematik vorbei und ist gleichzeitig hinter ihrer gespielten Liberalität knallhart wertkonservativ: Der Verfall der guten Sitten als Begründung für Freiheitseinschränkungen. Damit liegt er auf gleicher Linie wie die CDU oder die britischen Konservativen.

Lobo übersieht, dass Freiheit immer auch das Risiko des Missbrauchs mit sich bringt, und dass die Herausforderung für eine freie Gesellschaft darin besteht, diesen Missbrauch ganz konkret zu ahnden und abzustellen, anstatt die Allgemeinheit in Sippenhaft für die „schlechten Manieren“ einzelner zu nehmen.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Alkohol, Killerspiele, SPD, Verbote

Eine Antwort zu “Sascha Lobo hat’s nicht begriffen

  1. Was oft übersehen wird ist dass Verbote selbst extrem gefährlich sind. Sie beinhalten immer eine Erlaubnis, nämlich das Verbot auch durchzusetzen. Verbote vernichten nicht unbedingt Freiheit, sondern nehmen sie den Einen und geben sie den Anderen.

    Unschön an Verboten ist auch, dass sie genze Industrien schaffen, die sich um mehr oder schärfere Verbote bemühen, ansonsten aber nichts Sinnvolles produzieren, wie man es bei den anti-Tabak Organisationen schön beobachten kann.

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